Angehörige erzählen ...
Simone und Heiko Tentscher
Pflege Geschichten

Das Interview führte Constanze Angermann

Es ist kalt. Die Blumen im Garten sind von einer feinen Eiskruste überzogen. Simone steht in der Küche, sie schwankt – auch körperlich – zwischen der Freude über den Besuch und dem Ringen um Kraft. Sie hat gekocht, sich die Arbeit für uns gemacht. Dabei machen wir ihr doch schon die Mühe, dass sie für uns um Worte ringt. Um zu erzählen, wie es ist, mit der Krankheit und dem Alltag und der Einsamkeit zu kämpfen. Erst selbst zu pflegen, dann lernen zu müssen, sich zu pflegen und pflegen zu lassen.

„Eigentlich möchte ich ein Buch schreiben!“ Sie wägt jedes Wort. Hört im Kopf vor, ob es das richtige ist. Ob es treffend beschreibt, wie ihre Situation ist. Erst dann spricht sie es aus. Was zu langen Pausen führt. Die gönnen allen Ruhe; es ist schon schwer genug, darüber zu sprechen, wie sehr man sich um sein Leben betrogen fühlt, wenn man ein Kind von zehn Jahren hat, das nun mit ansehen muss, wie die Krankheit den Körper verwüstet. Für das man mitdenken muss, wenn man überlegt, wie man mit der Krankheit umgeht, was man ihr entgegenhält und was man dem Leben noch abtrotzen kann an Freude, an Zuneigung.

„Ich wusste, dass da was ist.“ Sagt sie. Aber sie ist nicht zum Arzt gegangen. Sie wollte erst ihr Kind einschulen. „Vielleicht war das ein Fehler. Vielleicht habe ich zu lange gewartet“, sagt sie leise. Aber bestimmt, da sie weiß, dass daran jetzt nichts mehr zu ändern ist. Schnell wurde der Brustkrebs festgestellt. Eine erste Operation und die anschließende Reha verliefen gut. „Ich habe mich da gut aufgehoben gefühlt. Ich hatte Vertrauen zu den Ärzten.“ Doch beim zweiten Mal schwindet dieses Vertrauen. Die Brust wird abgenommen, jetzt muss bestrahlt werden. Der Oberkörper heilt mühsam, sie muss ausprobieren, was ihr hilft. Welche Salbe, welches Öl. „Das sagt Ihnen keiner, das weiß auch keiner, dass man zwar die Krebsmedikamente von der Kasse bekommt, aber dann Medikamente braucht für alles, was durch die Krebsmedikamente mit dem Körper passiert. Und die bezahlt Ihnen keiner.“ – „Da sind Sie nicht nur krank, da werden Sie auch arm. Da wird einem das Kranksein noch schwer gemacht.“ Er schaltet sich ein ins Gespräch. Er ist lauter, aber auch zupackender.

„Wir sind ein gutes Team!“, sagt sie, nachdem sie lange überlegt hat. „Er kämpft für mich. Er schreibt, telefoniert, ruft wieder und wieder an.“ – „Ich mach dann auch Rabatz. Die lassen das einfach liegen, da passiert nichts. Da kommen Sachen weg, die verschwinden einfach bei der Versicherung. Erst als das Fernsehen an der Geschichte war, als wir gedroht haben damit, dass die darüber berichten, da war am anderen Tag der Bescheid da.“

Er will nicht verzweifeln. „Was bringt das?“ Aber er kommt an seine Grenzen. „Ich war so fertig, ich konnte nicht mehr.“ An dem Punkt waren sie beide. Dass sie dachten, es geht nicht mehr weiter. Die Angst, die ständige Sorge und die Sorge auch um das Kind, um das sich Simone Tentscher nach der Chemotherapie gar nicht kümmern kann. „Ich musste das Kind teilweise ja mit auf die Baustelle, zu meiner Arbeit nehmen“, erzählt er. Jetzt nimmt eine Frau die Zehnjährige zwei Mal in der Woche zu sich. Vor Weihnachten haben sie zusammen Plätzchen gebacken, sie gehen schwimmen oder basteln etwas. Die Tochter ist glücklich darüber.

Es ist ja nicht nur die Krankheit. Plötzlich musste Simone Tentscher noch woanders kämpfen. Eine Klassenkameradin sagte plötzlich zu ihrer Tochter: „Deine Mama ist ja gar keine richtige Mama; die hat keine Brust mehr.“ – „So was denkt sich ein Kind nicht aus! Das kam von der Mutter.“ Da ist sich Simone Tentscher sicher. Sie bat sie immer wieder um ein Gespräch. Ohne Erfolg. Die Geschichte zog Kreise, bildete neue Gerüchte. Die Lehrerin erzählte sie weiter, ohne wirklich gelesen zu haben, was sie an die Klassengruppe geschrieben hatte. Erst das Gespräch mit dem Rektor und der Lehrerin brachte Klarheit. Inzwischen hat sie mit allen gesprochen, nur mit der einen Mutter nicht. Eine Verletzung, die Kraft kostet, zusätzliche Kraft, die sie für den Kampf gegen die Krankheit braucht.

Es ist ein seelischer Kampf. Der Körper ist empfindlich geworden, die Seele auch. Und wenn sie grübelt, dann darüber, wo der Fehler im System liegt. Dass es immer wieder kommt. „Ich habe noch nicht das gefunden, was ich in meinem Leben machen muss, damit es nicht wieder kommt.“ Das sagt sie leise, in einem Moment, in dem wir allein sind. Vor dem Kind, für das Kind lässt sie Normalität herrschen. Sie spielt das nicht. Es ist der Instinkt der Mutter. Und ihr Bedürfnis. Auch ihr tut das normale Leben, wenn es denn geht, gut. Vieles geht nicht. Sie erträgt keine Berührung.

„Früher haben wir gekuschelt“, sagt er, als wir Fotos von den beiden machen. Da lehnt sie sich an ihn. Aber es ist schwer, die alte Vertrautheit der neuen Krankheit anzupassen. So leben zu lernen, dass es geht, dass es zu ertragen ist. Er fühlt sich verraten: „Gucken Sie sich die Frau an!“ Er zeigt uns alte Fotos: „Die habe ich kennen gelernt. Mit der bin ich zusammengekommen. So sah sie aus!“ Er begehrt auf, würde am liebsten kämpfen, um das Leben zu drehen. Es ist so schlimm, es ertragen zu müssen und doch kaum zu können. „Wusste doch nicht, dass uns diese blöde Krankheit dazwischenkommt …“

Die blöde Krankheit hat einen unbarmherzigen Rhythmus bekommen. Es haben sich Metastasen gebildet. Alle drei Wochen hat Simone Tentscher Chemotherapie. Danach ist sie so schwach, dass sie erst mal nur liegt. Da ist sie jetzt froh und dankbar, dass Uli für ihre Tochter da ist. Die ist über den Hospizdienst der Diakonie zu ihnen gekommen. Zum ersten Mal haben sie das Gefühl, dass ihnen jemand hilft. Denn für die Pflege und für die Betreuung ihres Kindes, für den Haushalt … sie könnte tausend Hände gebrauchen und hätte dann die Chance, sich um sich selbst zu kümmern. Aber sie hat nur Uli, die sich ums Kind kümmert. „Das Geld wäre jetzt da“, sagt er, „schließlich sind wir bei Pflegestufe vier.“ Auch Rente gibt es. „Aber finden Sie mal jemand!“

„Denn es ist so schlimm“, sagt sie, und das ist ihre Erfahrung in ihrem Leben, „niemanden an seiner Seite zu haben als den Partner. Und dabei haben wir es Leuten erzählt. Nachbarn, Bekannten. Die hören nicht mal richtig zu!“ Warum? „Die wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, was sie sagen sollen.“ Sie geht, wenn sie es kann, in den Dorfladen, hat früher in dem Dorf am Edersee gearbeitet. „Die stehen im Dorfladen neben mir. Die sehen mich gar nicht, die sagen nichts zu mir.“

Er erklärt sich das mit dem Menschenschlag in Nordhessen. Aber dann erzählt sie von ihrer Familie in Thüringen und dem viel größeren Schmerz: Dass nämlich die nicht Anteil nimmt. Trotz ihrer Krankheit hat sie sich noch um ihre Mutter gekümmert. „Mir war das wichtig. Ich habe sie bekocht. Sie hat es auch nicht leicht gehabt.“ Immer wieder ist sie dorthin gefahren. Inzwischen ist die Mutter dement, lebt in einem Heim. „Ich weiß nicht, ob sie mich noch erkennen würde.“

Sie hat für den Umzug ins Heim mit ihren Geschwistern noch alles geregelt. „Dann habe ich gewagt, meiner älteren Schwester mal zu sagen, dass mir gerade alles zu viel ist und ich mich mal zurückziehen muss. Denn ich habe meine Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Ich und meine Krankheit wurden gar nicht gesehen. Die anderen haben ihre Probleme noch auf mich abgeladen, weil ich gelernt habe, zu kämpfen.“ Was sie neuerdings gelernt hat, ist, sich selbst zu vertreten. „Du bist zur Expertin deiner selbst geworden“, sagt er anerkennend. Denn sie lernt immer was dazu über ihre Krankheit. Ihr Sohn aus erster Ehe schickt ihr Infos. Sie telefonieren fast jeden Tag.

Aber mit der älteren Schwester ist seither der Kontakt abgebrochen. „Es ist so, als ob man es nicht sehen möchte.“ Sie ahnt, dass die anderen sich nicht mit ihr befassen wollen, weil sie dann mit der eigenen Zerbrechlichkeit konfrontiert werden. Aber das ist es, worum beide ringen: Unterstützung.

„Mein Chef sagt dann, du kannst nicht frei haben. Und ich muss arbeiten, hier alles regeln und dann noch für sie kämpfen.“ – Da sieht sie ihn direkt an. Das hält sie aus. Aber sie fängt an zu weinen, als sie von ihrer Freundin erzählt. Die ist durch ihre Tochter in ihr Leben gekommen. Dieser Zufall, das merkt man, wirft sie noch heute fast um. Die Tochter hat beim Einkaufen das andere Mädchen kennen gelernt. Deren Mutter ist jetzt ihre Freundin: „Die ist die einzige, die mal anruft, die sagt, komm, wir machen was, mit ihr treffen wir uns zum Essen.“ Und zum Reden. Das ist das, was sie braucht und wofür sie so dankbar ist, dass sie eigentlich kaum was über die Freundin sagen kann, aber jedes Mal weint, wenn sie dazu ansetzt, es zu tun. Da schleicht sich ein Leuchten in ihre Augen. Und man spürt ihre Bedürftigkeit so sehr, dass es weh tut.

Deshalb ist klar, was sie brauchen. Anteilnahme und Unterstützung. Die helfende Hand. Es gibt eine Familie im Dorf. Da kann die Tochter immer hin. Tag und Nacht. Es gibt die Frau für das Kind, sie hat ihre Freundin und ihn, der für sie kämpft. Er hat sie und Angst, sie zu verlieren. Die Angst macht es ihr zusätzlich schwer. Denn sie braucht manchmal einfach nur Ruhe, um neue Kraft zu schöpfen.

„Es ist nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Wir sind am Ende unserer Leistungsfähigkeit. Und dann streiten wir.“ Das macht es dem Kind noch schwerer. Eine Psychologin hat ihr Hinweise gegeben. Wie sie ihrer Tochter, die nicht über die Krankheit reden möchte, die Krankheit dennoch erklären kann. Es ist ein Kampf. Das hat sie gelernt, sagt sie. Und es kann sein, dass das auf andere so stark wirkt, dass sie meinen könnten, sie brauche keine Hilfe. Der, der krank ist, braucht aber Hilfe. Und mit ihrer Mutter hat sie erfahren: Für die Pflege und für das Gepflegtwerden ist jeder mal dran.

Im Kamin brennt ein künstliches Feuer, das nicht wärmt. Das Buch würde sie gerne schreiben. „Aber es sind so viele Geschichten. Und ich weiß nicht, welche ich mir rausgreifen soll. Oder ob ich sie alle erzähle. Das muss ich noch herausfinden“, sagt sie und schaut uns lange nach. Die feine, zarte, aber doch starke Frau und der starke, zerbrechliche Mann. Das starke Team, das Hilfe braucht.

Was Heiko und Simone Tentscher sich für die Pflege wünschen: „Dass jemand da ist. Dass jemand für einen da ist. Dass jemand zuhört. Dass sie nicht weggucken.“