Wie Florence Nightingale die Krankenpflege reformierte

Von Daniel Sikinger

Das erste, was ihr auffällt, ist der Gestank. Die Räume sind ungelüftet, ungeheizt. Auf dem dreckigen Boden stehen grobe Holzeimer mit menschlichen Exkrementen; wie sie später herausfindet, sind die sanitären Anlagen unzureichend und Durchfallerkrankungen häufig. Überall liegen Verwundete und Kranke – ungewaschen, ihre Kleidung offenbar seit Wochen nicht gewechselt, geplagt von schlecht versorgten Schussverletzungen, von Maden, Flöhen und Läusen. Die gepflegte Dame, man sieht es ihr an, macht ihren ersten Rundgang durch das Lazarett in Scutari. Sie hat einen Auftrag. Die Entschlossenheit, mit der sie sich ihre Aufgabe widmet, wird nicht nur dieses Lazarett verändern, sondern in den folgenden Jahren das gesamte Pflegewesen reformieren. Ihr Name: Florence Nightingale. Wie aber kam sie hier her?

Überzeugt, von Gott in die Pflege gerufen zu sein

Geboren wurde Florence am 12. Mai 1820 als jüngste Tochter einer wohlhabenden englischen Familie. Ihre Jugend gestaltete sich typisch viktorianisch: mit monatelangen Auslandsreisen, Unterricht in Französisch und Latein und ausschweifenden Banketten mit zukünftigen Premierministern, aufstrebenden Naturwissenschaftlern und verdienten Botschaftern. Als sie 16 war, schrieb sie in ihr Tagebuch: „Gott sprach zu mir und rief mich in seinen Dienst.“ Und nach und nach wurde ihr klar: Es ist der Pflegedienst, zu dem sie sich gerufen fühlt.

Sieben Jahre des Wartens und Durchhaltens

Ihre Familie war von diesem Plan nicht begeistert. Immerhin war der Ruf von Krankenpflegerinnen in viktorianischer Zeit äußerst schlecht: Sie seien fachlich weitgehend inkompetent, ließen sich gerne auch in Alkohol bezahlen, naschten selbst gelegentlich von den Medikamenten oder sorgten auch für die sexuellen Bedürfnisse ihrer Patienten, so wurde gesagt. Florence schreckte der drohende Verlust ihrer Reputation nicht ab. Ihre Familie dagegen versuchte eine Heirat zu arrangieren – vielleicht käme sie ja doch noch auf andere Gedanken. Doch Florence beharrte auf ihrem Entschluss. Sieben Jahre lang versuchte sie ihre Eltern zu überzeugen, las Fachbücher, besuchte heimlich Krankenhäuser, wurde schließlich immer unglücklicher. Erst dann gaben ihre Eltern nach.

Lernen von den Kaiserswerther Diakonissen

Die nächsten Schritte glichen einer vorsichtig tastenden Suche. Es mangelte Florence an Vorbildern. In der Pflege tätig waren in England bis dato die berüchtigten Krankenpflegerinnen und katholische Nonnen; für Florence: einerseits der Sittenverfall, andererseits die Welt der lebenslangen Gelübde und starren Regeln. Erst als ihre Eltern erlaubten, dass sie die Kaiserswerther Diakonie im heutigen Düsseldorf besuchte, entdeckte Florence mit nun dreißig Jahren einen anderen, dritten Weg: Die Diakonissen waren ebenfalls motiviert durch ihren christlichen Glauben und lebten nach hohen ethischen Maßstäben, konnten aber jederzeit ihren Dienst verlassen und heiraten. Bei der Diakonie lernte Florence, wie man Wunden verbindet und Medikamente mischt, sie assistierte bei Operationen und begleitete Sterbende. Hier wurde Florence ausgebildet, hier fand sie das Modell für die Krankenpflege in England.

Vom Londoner Pflegeheim ins Kriegsgebiet

Drei Jahre nach ihrer Rückkehr übernahm sie selbst ehrenamtlich und voller Energie die Leitung eines kleinen Pflegeheimes für bürgerliche Frauen in der Londoner Harley Street mit gerade einmal 27 Betten. Manche im Umfeld der Familie Nightingale schüttelten den Kopf, doch Florence war sich für solche kleinen Schritte nicht zu schade. Es dauerte jedoch nicht lange, bis sie mit größerer Verantwortung betraut wurde. England war in den Krim-Krieg eingetreten. Der erste moderne Stellungskrieg mit industriellen Waffen forderte seinen grausamen Tribut. Außerdem breiteten sich Cholera und Ruhr in den Lagern aus. Viele der verletzten Soldaten waren schlecht versorgt und starben daran. Die Times berichtete darüber, die Öffentlichkeit reagierte empört. Das Kriegsministerium beschloss, Pflegerinnen ins Lazarett in Scutari, einem Stadtteil von Istanbul, zu schicken. Der Staatssekretär im zuständigen Ministerium, Sidney Herbert, hatte Florence bei einer Romreise kennen gelernt und wandte sich nun in dieser Frage an sie. Es war ein Experiment: Noch nie hatten die Engländer bis dahin Schwestern in ein Kriegsgebiet geschickt. Aber Florence war für das Experiment zu haben.

Ein Dreckloch macht Florence zum Krankenhaus

So kommt Florence im November 1854 ins Lazarett, begleitet von 38 Pflegerinnen. Die Zustände sind katastrophal, es fehlt am Nötigsten. Der Nachschub ist schleppend und bürokratisch organisiert. Ein Spendenaufruf der Times gibt Florence zusätzlichen Handlungsspielraum. Sie kauft Socken, Hemden, Trinkbecher, später dann Decken und Betten, Gemüse und Zitronensaft gegen den Skorbut. Sie richtet Behandlungsräume ein, renoviert einen bisher unbenutzbaren Krankenhausflügel, stellt sicher, dass die Patienten gewaschen werden. Doch gegen den Tod kommt sie nicht an, die Sterblichkeitsrate bleibt hoch. Zumindest eines habe sie in den ersten Monaten erreicht, so schreibt sie später in einem persönlichen Brief an Staatssekretär Herbert: Sie habe ein funktionierendes Krankenhaus aufgebaut. Die Soldaten schlagen da enthusiastischere Töne an: Für sie sind Florence und ihre Pflegerinnen wie Engel. Davon schreiben sie in ihren Feldbriefen, die in der englischen Presse abgedruckt werden. Eine Abbildung von Florence mit einer Lampe bei der Nachtschicht macht ihren Namen in England berühmt – doch sie selbst hier in Scutari wird schwer krank. Vielleicht ist es das Krimfieber, vielleicht auch eine bakterielle Infektion namens Brucellose, die ihr Leben bedroht. Aber Florence rappelt sich auf. Und sie bleibt.

Weitsichtige Reformen vom Invalidenbett aus

Erst nach Kriegsende reist Florence nach London zurück. Ihr Zustand ist schlecht. Sie lebt als Invalidin, zurückgezogen, oft zu schwach, um Besuch zu empfangen. Doch sie beeinflusst die Debatte um die Pflegereform mit ihren streitbaren Pamphleten, mit anschaulichen Statistiken und messerscharfen Analysen, mit werbenden Briefen und praktischen Handbüchern. Eine Audienz bei Königin Victoria führt schließlich zur Einsetzung einer Kommission, die das Pflegedebakel in britischen Lazaretten aufklärt und zukunftsorientierte Signale sendet. Eine Kommission zur Lage in Indien folgt. Und so beginnt die Reform der Pflege in den Militärkrankenhäusern. Doch die wahrscheinlich weitreichendste Wirkung entfaltet das, was Florence als Nächstes tut: Sie gründet eine Schwesternschule. Die Schülerinnen werden bald kompetente Stationsleiterinnen. Sie prägen nun das Bild der Pflege –als ein bedeutender Beruf, der in der Gesellschaft hohe Anerkennung verdient hat.

Erst in hohem Alter wurde Florence Nightingale für ihre Verdienste mehrfach ausgezeichnet. Königin Victoria verlieh ihr das Royal Red Cross, danach erhielt sie den höchsten zivilen Verdienstorden, den Order of Merit – als erste Frau überhaupt. Da war sie schon 87 Jahre alt. Mit 90 Jahren, am 13. August 1910, starb sie im Schlaf.